monochrom #15-23
erratum?

im artikel >>utopie oder anti-utopie? zum „staatsroman“ in der weimarer zeit<< von nessun saprà wurde eine seite doppelt abgedruckt und dafür eine seite weggelassen. voll reumütigem stolz liefern wir die fehlende seite nach.


[...] nach Deutschland übersiedeln oder in Großstädte ziehen. Nacheinander bekunden auch die Länderregierungen, die Vertreter der Stadt- und Landgemeinden, der Schutzstaaten, der "Außenfürst der Kolonien" ihren Beifall für die deutsche Regierung.
An dieser Stelle schiebt Schmid aus dramaturgischen Gründen ein kleines Zwischenspiel ein. Als sich in der Abordnung der Deutschen im Ausland ein "junger Mann mit wollig-schwarzem Haar" vordrängt und für die Mischehen von Deutschen mit Eingeborenen plädiert, wird der Halbjude von Berger und dem König zur Raison gebraucht ("Von Vermischung mit Farbigen und Mischlingen spreche ich nicht; daran darf ein Deutscher nicht einmal denken. Wahret Euer Blut! Es ist Edelgut!" [49]).
Anschließend machen auch die Vertreter der Ausländer, der ausländischen Presse und des diplomatischen Korps dem König ihre Aufwartung. Zuletzt findet noch die Huldigung durch das einfache deutsche Volk und seiner Vertreter statt. Abordnungen der Volksvertretungen, des Arbeitsamtes, des "Amtes zum Schutz geistigen Eigentums" (des früheren Patentamtes - die wohl interessanteste Neuerung Schmids), des Versicherungsamtes, des Volkwohlfahrtsamtes, des Verkehrsamtes, der Landeskirchen (einschließlich einer nebulösen "Deutschen Kirche"), des Schulamtes, des Geldamtes, des Industrierates, des Gewerberates, des Landwirtschaftsrates, des Klein- und Einzelhandels, des Genossenschaftsbundes, der deutschen Presse, der Vereine, der Kinder, der Jugend, der Mütter, der Bauern, der Arbeiter, der Beamten und Angestellten, der geistlichen Herren, der Künstler und der Wehrmacht treten vor. Schmid bemüht sich mit künstlerisch unzureichenden Mitteln, die fade Monotonie der Dankadressen aufzulockern. Die Begegnung zwischen dem alten König und den Kindern als auch die sich anbahnende Romanze zwischen Berger und Gretl geraten ihm reichlich pathetisch. Den Höhepunkt an Schwülstigkeit bildet jedoch der Schluss: Der hundertjährige König, der Feierlichkeiten müde, wird von der treuen Hildegard zu Bett gebracht. Als ihn der Schüttelfrost zu übermannen droht, lässt sie "ihre Hüllen fallen und legt sich in das Bett" [50], um ihn mit ihrer Lebensenergie ("Fluidum") zu wärmen.
Schmids Machwerk, das allenthalben übersteigerten Judenhass und Nationalstolz [51] durchscheinen lässt, zeugt von politischer Kurzsichtigkeit und einer Schwarzweißmalerei ohnegleichen. Aber auch literarisch ist es ein unerträgliches Geschmiere ohne stringenten Aufbau. Überall finden sich Doppelungen und inhaltliche Widersprüche [52]. Untermalt wird das Ganze mit zünftigen Parolen, die befallheischend nach Anerkennung von offizieller Seite schielen: "[...] unter dem Hakenkreuz ist Folgen Pflicht und Ehre und - Gewohnheit" [53], übrigens auch für den König. "Die Arbeit ist heilig, weil sie der beste Teil unseres Lebens ist; Arbeit ist die Grundlage und Voraussetzung der Existenz unseres Volkes; Arbeit allein schafft Werte; jeder gesunde Mensch hat das Recht auf Arbeit und ist zur Arbeit verpflichtet. Es gibt keine Nichtstuer, keine Drohnen mehr in unserem Staate. Wir alle sind Arbeiter [...]" [54].
Die handelnden Charaktere sind trivialisiert und entsprechen den Leitbildern der Goebbelsschen Propaganda. Das Frauenbild - mit der Mutterschaft als Ideal - ist typisch für die nationalsozialistische Unterhaltungsliteratur: "Gott hat Euch nicht geschaffen, Jungfrauen zu bleiben, sondern Mütter zu werden" [55]. "Es freut mich ganz besonders, feststellen zu können, daß seit 10 Jahren kein Angriff mehr auf Euch erfolgt ist und daß es 25 Jahre sind, seit die letzte Mutter gestrauchelt ist" [56]. "Des Mannes Sache ist die Tat; der Frauen Sache ist die Liebe!" [57].
Auch wenn Schmid herausstreicht, dass die außenpolitische Erfolge Deutschlands ohne Waffengewalt erzielt wurden, so ist er beileibe kein Pazifist, wie z.B. die Reden des Königs vor der Jugend und der Reichswehr zeigen: "In Europa setzen wir uns so durch. Aber es ist möglich, sogar wahrscheinlich, daß wir gezwungen sind uns gegen Asien zu wehren. Dafür müssen wir die Muskeln und Nerven gespannt halten. Denn das wird ein schrecklicherer Krieg werden als der Weltkrieg war, eine schwerere Arbeit, eine höchste Prüfung" [58].

V. Bestandsaufnahme
Versuchen wir Bilanz zu ziehen!
Die völkischen und nationalistischen Utopien weisen erstaunliche ideologische Unterschiede auf, was auf das diffuse politische Programm der rechtsextremistischen Kreise hinweist. Der Nationalsozialismus wurde unter Hitler zum Brennglas von altvölkischen, rassistischen, nationalen, monarchischen, faschistischen und sonstigen konservativen Vorstellungen, die großteils nicht erst seit der Weimarer Republik, sondern schon zur Wilhelminischen Kaiserzeit virulent gewesen waren. [...]


[...]
[47] Dieses Schlagwort ist eine wörtliche Übernahme aus dem Punkt 24 des Parteiprogramms der NSDAP. Vgl. auch Alfred Rosenberg (Hrsg.): Das Parteiprogramm. Wesen, Grundsätze und Ziele der NSDAP. München: Zentralverlag der NSDAP, 1940 (451.-750. Tausend). S. 52.
[48] Parallelen zu Robert A. Heinleins umstrittenem Werk "Starship Troopers" (New York: Putnam, 1959. Deutsche Ausg.: Sternenkrieger. Starship Troopers. Science Fiction-Roman. Bergisch-Gladbach: Gustav H. Lübbe, 1979) drängen sich auf, auch wenn ich Heinlein eher als elitär denn als faschistisch einstufe.
[49] Schmid: Im Jahre 2000, wie Anm. 34, S. 39.
[50] Schmid: Im Jahre 2000, wie Anm. 34, S. 79.
[51] Mehrfach taucht der Gedanke einer Revanche für Versailles auf. Vgl. Schmid: Im Jahre 2000, wie Anm. 34, S. 6. 7. 31. 33.
[52] Doppelungen finden sich etwa bei der Darstellung der Außenpolitik; inhaltliche Widersprüche etwa zum "Säkularmenschen", bei der Zahl der Reichsgrafen oder bei der Abordnung der Künstler. Vgl. Schmid: Im Jahre 2000, wie Anm. 34, S. 63; anders S. 74.
[53] Schmid: Im Jahre 2000, wie Anm. 34, S. 15.
[54] Schmid: Im Jahre 2000, wie Anm. 34, S. 72.
[55] Schmid: Im Jahre 2000, wie Anm. 34, S. 66.
[56] Schmid: Im Jahre 2000, wie Anm. 34, S. 68.
[57] Schmid: Im Jahre 2000, wie Anm. 34, S. 80.
[58] Schmid: Im Jahre 2000, wie Anm. 34, S. 65. Vgl. auch S. 76: "Wir dürfen unsere Waffen nicht rosten lassen. Das Völkerleben wickelt sich auch heute noch nicht gefahrenlos ab. Mehr und mehr bedroht uns eine ungeheure Gefahr. Wir werden unser Vaterland schützen müssen gegen die aus dem fernen Osten drohende Überschwemmung durch ungeheure Völkermassen."
[...]

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